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Unsere
Gedanken und Visionen
zum Thema Karate
Dieser
Text basiert auf einer Seminarbroschüre, die Kyoushi Patrick McCarthy
anlässlich seiner Lehrreise im Jahr 2003 entworfen hat (Originaltext). Es wird nicht behauptet, dass alles folgende
die Ansichten von Kyoushi McCarthy
wiedergibt! (Dirk Thesenvitz, Olaf Krey)
Einleitung
Im Jahr 1905 veröffentlichte Jules Henri Poincaré ein Buch mit dem Titel "Der Wert der Wissenschaft". Darin heißt es "Wissenschaft besteht aus Fakten, wie ein Haus aus Steinen besteht. Aber ebenso, wie nicht jede Ansammlung von Steinen ein Haus ist, so ist auch nicht jede Ansammlung von Fakten eine Wissenschaft". Dieser Vergleich lässt sich auch auf Karate übertragen. Karate ist nicht eine Ansammlung von verschiedenen Techniken, nicht lediglich ein Anhäufen körperlicher Fähigkeiten. Karate wird erst dann zu einem Ganzen, zu einer Wissenschaft, wenn man so will, wenn zu den körperlichen Fähigkeiten und dem Streben des Übenden nach Vervollkommnung (bunbu) das Wissen um geschichtliche Fakten und die Kenntnis fundamentaler Prinzipien der Selbstverteidigung treten. Ohne dieses notwendige "know how" geht es dem Karateka wie jemandem, der ein wunderschönes Lied in einer fremden Sprache hört. Es gefällt, weckt Gefühle, doch ohne die Sprache zu sprechen, in der es gesungen wird, bleiben die Zeilen und damit das ganze Lied unverstanden.
Soweit
so gut. Kaum jemand wir hier widersprechen, weil die Ausführungen absichtlich
allgemein gehalten sind. Letztlich sind nicht die Unterschiede zwischen
den einzelnen Dojo, Verbänden und Organisationen entscheidend, sondern
das was uns miteinander verbindet.
Was
aber sind die Fakten und Fähigkeiten, die notwendig sind, um Karate
im allgemeinen und Koryu Uchinadi im besonderen, zu verstehen? Aus meiner
Sicht sind dies das schon erwähnte fundierte Wissen über die Geschichte
des Karate und die kulturellen Gegebenheiten, in denen es entstanden
ist und weiterentwickelt wurde, sowie ebenso fundierte Kenntnisse über
die Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers und den sich daraus
ergebenden Möglichkeiten der Manipulation des Körpers zum Zweck der
Selbstverteidigung (ganz gleich, ob man diese Manipulationen mit westlicher
oder traditioneller chinesischer Medizin erklärt). Leider wird diese
Idee zwar weithin akzeptiert, ja sogar als selbstverständlich abgetan,
aber in den praktischen Übungen nicht konsequent verfolgt und angewendet.
Alt
und Neu - Kunst und Sport
Zu
erkennen, welch brillante Sportler das moderne Karate hervorgebracht
hat ist relativ leicht. Der Besuch eines Turniers genügt und man wird
mit einem hohen Maß an Beweglichkeit, Schnelligkeit und Kraft konfrontiert,
die keinen Zweifel daran lassen, dass hier sportliche Höchstleistungen
vollbracht werden. Dennoch bleibt die Frage ob modernes an Regeln gebundenes
Karate und die zugehörigen Trainingsmethoden dazu geeignet sind, optimal
auf solche Selbstverteidigungssituationen vorzubereiten, gegen die Karate
ursprünglich entwickelt wurde! Unserer Ansicht nach ist dies keineswegs
der Fall. Hierüber gibt es jedoch eine schon lange andauernde Auseinandersetzung
zwischen den Autoritäten des Sportkarate und den Befürwortern einer
wettkampffreien Kampfkunst. In dieser Auseinandersetzung verfehlen es
die Erstgenannten leider immer wieder anzuerkennen, dass letztere ihre
Vorläufer sind.
Wie
schon erwähnt sind die Differenzen zwischen beiden Lagern jedoch bei
weitem nicht so wichtig, wie das was sie verbindet. An die Stelle von
Hochmut, Unsicherheit und Protektionismus sollten daher gegenseitiges
Interesse, Verständnis und Offenheit treten.
Niemand
behauptet ernsthaft, dass ein wettkampforientierter Athlet nicht in
der Lage ist, sich in einer Selbstverteidigungssituation zu behaupten.
Es ist natürlich klar, dass wettkampforientiert trainierende Karateka
in guter körperlicher Verfassung sind, ein beeindruckendes Arsenal an
Schlag- und Tritttechniken besitzen, eine aggressive Einstellung schnell
wahrnehmen können und einige Erfahrung im Umgang mit "offenen frontalen
Konfrontationen", also einer Art von Kampf, in den beide Seiten
bewusst einwilligen, besitzen.
Keineswegs
aber sind sie optimal auf eine echte Selbstverteidigungssituation vorbereitet.
Selbstverteidigung heißt dem Kampf nicht ausweichen zu können, also
durch würgen, greifen, umklammern, etc. angegriffen zu werden. Eine
solche Situation ist nicht zu verwechseln mit einem Kampf, in den alle
beteiligten wissentlich und mehr oder weniger freiwillig einwilligen,
wie dies explizit im Wettkampf der Fall ist. Eine echte Selbstverteidigungssituation
erfordert zusätzliche Konzepte und Strategien, die über Schlagen
und Treten hinaus gehen und nicht im modernen Sportkarate gefunden werden
können. Man sollte sich folgende Frage stellen: "Lehrt mein
Stil den effektiven Umgang mit Angriffen wie dem klassischen Schwitzkasten,
einer Umklammerung oder Würgetechniken? Beinhaltet mein Stil Konzepte,
die mir helfen, wenn ich zu Boden gebracht wurde?". Wir sind der
Überzeugung, dass dies in wettkampforientierten Karatestilen nicht
der Fall ist. Wichtiger noch ist die Frage, wieviele Karateschüler
der irrigen Meinung sind, sie würden altes, traditionelles Karate
erlernen, dies aber ganz und gar nicht tun!
Es
ist nun einmal Fakt, dass niemand in einer echten Selbstverteidigungssituation
mit einem gut kontrollierten Fauststoß angreift und still steht,
während der Verteidiger seine geheimen Vitalpunkt-Techniken anwendet.
Jemand der ernsthaft die Absicht hat, körperlichen Schaden anzurichten,
wird keine oder nur eine unbewußt erzeugte Warnung abgeben und
er wird gnadenlos solange fortfahren anzugreifen, bis er sein Ziel erreicht
hat. Der Glaube in die alte Theorie "Mit einem Schlag zu töten"
(die lediglich auf einer Fehlinterpretation eines japanischen Ausspruchs
basiert) ist ebenso naiv, wie an den Osterhasen oder an "chi"-knock
outs ohne Berührung zu glauben.
Sollte
der Leser nicht bereits der wachsenden Gruppe von Karateka angehören,
die solche Behauptungen anzweifeln, dann kann vielleicht dieser Text
dazu verhelfen, den offensichtlichen Unterschied zwischen der Kampfkunst
und dem Kampfsport zu erkennen. Es ist uns wichtig klarzustellen, dass
dieser Text nicht geschrieben wurde, um Sportkarate, bestimmte Lehrer,
einen Stil oder die japanische Herkunft des Karate zu diskreditieren
oder zu kritisieren. Es ist lediglich das Anliegen dieses Textes, die
Aufmerksamkeit des Lesers auf die scheinbar nicht so offensichtlichen
Unterschiede zwischen modernen Traditionen und der Alten Kampfkunst
hinzuweisen.
Es
ist schwer, wenn nicht gar unmöglich gegen die vorherrschende Meinung
anzugehen, dass die alten okinawanischen oder japanischen Meister alles
über Karate wussten, was man je darüber lernen kann, dass
sie im Besitz aller Geheimnisse und Antworten waren. Immer wieder hört
man "Argumente" wie "Ich mache es so wie Shimabuku es
gemacht hat" oder "so hat es mir mein Sensei gezeigt"
oder "so steht es aber im Buch". Weder ist es nicht unsere
Absicht mangelnden Respekt auszudrücken, noch haben wir bestimmte
Personen im Hinterkopf, wenn wir feststellen, dass eine solche Haltung
blinden Glaubens kritisches Denken gar nicht oder nur in sehr geringem
Maße provozieren.
Wenn
man in der Lage ist, außerhalb der eigenen "Box" zu
denken, wird es schnell offensichtlich, dass Greifen, Ringen und die
verwandten gewöhnlichen Angriffe (Habitual Acts of Physical Violence,
P. McCarthy) die konzeptuelle Grundlage
aller Kata-Anwendungen bilden. Wenn dieser Kontext erkannt ist, wird
offensichtlich, dass Kata 1. die anzugreifende anatomische Struktur
des menschlichen Körpers lehrt, dass 2. ein geeignete"Werkzeug"
definiert wird, dass 3. der Winkel und 4. die Richtung, in der Energie
übertragen werden muss bereits in der Kata enthalten sind. Ein
fünfter Faktor, nämlich die Intensität, in der Energie
übertragen werden muss, wird durch den Kontext, in dem die Technik
angewendet wird und die hervorzurufen beabsichtigte Reaktion determiniert.
Das ist der Grund, warum es so wichtig ist, möglichst alte Versionen
einer Kata zu erlernen, denn die modernen Interpretationen (shite-gata:
standardisierte Kata für Wettkampfzwecke) wurden mit Blick auf
ihr äußeres Erscheinungsbild, jedoch unter Vernachlässigung
der selbstverteidigungsrelevanten Inhalte verändert. Bei ihnen
ist Form mehr wert als Funktion.
Auch
wenn es implizit schon in den vorhergehenden Sätzen enthalten ist, so
sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass
Trainingsmethoden immer an den gewünschten Trainingsresultaten ausgerichtet
werden müssen. Dies erklärt unserer Ansicht nach nahezu vollständig,
warum sich die Trainingsmethoden alten und modernen Karates so sehr
unterscheiden. Die Trainingsmethoden des alten Karate, also auch die
im Koryu Uchinadi verwendeten, konzentrieren sich auf Selbstverteidigungsprinzipien
und verbinden Grundtechniken direkt mit den zugehörigen Themen der Selbstverteidigung.
Karate
ist eine zivile Selbstverteidigung, die gegen gewöhnliche Menschen
in außergewöhnlichen Umständen zur Anwendung kam, keineswegs
aber gegen ausgebildete Kämpfer oder Soldaten in einem Ring oder auf
einem Schlachtfeld. Von dieser Position ausgehend, bedeutet eine optimale
Vorbereitung auf echte Selbstverteidigungssituationen die Auseinandersetzung
mit Angriffen, Distanzen und Verteidigungsstrategien, wie sie in den
Curricula des regelgebundenen (= modernen) Karate nicht zu finden sind,
da sie für dieses auch nicht von Bedeutung sind.
Zeitunabhängige
Wahrheit
"Es
waren schon immer die Struktur des menschlichen Körpers, seine
einzigartige Funktion (Physiologie) und seine universellen anatomischen
Schwächen, die letztlich bestimmt haben, wie greifen und schlagen,
entsprechend den biomechanischen Gesetzen der effektiven Energieübertragung,
am besten eingesetzt werden können, um motorische Fähigkeiten
des menschlichen Körpers zu beeinträchtigen, was ja das nüchterne
Ziel jeder Selbstverteidigung ist." (P. McCarthy)
Unabhängig
davon, was durch die Vielzahl der verschiedenen Schulen, Stile und Systeme
in der ganzen Welt gelehrt wird, sind diese Prinzipien unabänderlich
und müssen von jedem vollständig verstanden werden, bevor
eine Kampfkunst jemals gemeistert werden kann.
Karate
- Sammelbegriff und Mythos
Für
das Verständnis des Karate scheint es wesentlich anzuerkennen, dass
Karatedo für verschiedene Menschen ganz verschiedenes sein kann. Dies
zu wissen hilft, den Schleier, der durch die Mehrdeutigkeit des Begriffes
Karate über diese Kunst gelegt wird zu lüften und ihre Gesamtheit besser
zu verstehen. Karate kann 1. eine interessante Alternative zu herkömmlichen
westlichen Fitnessübungen sein, 2. ein herausfordernder an Regeln gebundener
Sport, 3. eine Form der Selbstverteidigung, die nur durch das eigene
Wissen über den Gegenstand der Selbstverteidigung und die zugehörigen
Prinzipien begrenzt ist, 4. ein Weg, das tägliche Leben zu verbessern
(durch eine Übung, die holistische und therapeutische Wirkungen hat
und zu der untrennbar das Streben nach Selbsterkenntnis gehört) und
5. ein lohnender und bedeutender Beruf.
Eines
der größten Gerüchte, das in der heutigen Karatewelt existiert, besagt,
dass japanische/okinawanische Pioniere des Karate/Toudi allmächtig waren
und dass sie alles über die zum größten Teil aus China stammende und
immer wieder neu interpretierte Kunst wussten, was es über sie zu wissen
gibt. Dem ist jedoch nicht so, wie unter anderem durch Kyoushi
McCarthys persönliche Forschungen belegt wird. Dennoch lieben wir
westlichen Menschen es, Geschichten von einem kleinen alten Meister
zu hören, der als Einsiedler oben in den Bergen lebt und die Antwort
auf alle Fragen kennt ... . Mehr noch, meist tendieren wir dazu, japanische/okinawanische
Meister auf einen Podest zu stellen, was wir für abendländische Lehrer
nie in Erwägung ziehen würden. Ohne erkennbaren Grund scheint es eine
weitverbreitete Meinung zu sein, dass man das wahre Karate nur von einem
japanischen/okinawanischen Meister gelehrt bekommen kann.
Da
aber Karate auf der Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers
basiert, hat unserer Ansicht nach keine Rasse oder Nationalität ein
Monopol für das Verstehen oder Lehren dieser Kunst, auch nicht die Japaner.
Im gleichen Atemzug sei ergänzt, dass damit nicht gesagt ist, dass es
keine guten und anerkannten japanischen/okinawanischen Lehrer gibt.
Das Meistern dieser Kunst transzendiert jedoch jede Rasse oder Nationalität.
Das ist die Wahrheit, die wir vermitteln sollten, statt einen gegensätzlichen
Mythos aufrecht zu erhalten. Selbstverständlich ist das Verstehen
japanischer und chinesischer Kultur, Geschichte oder gar Sprache natürlich
ein enormer Vorteil für das Verständnis der Entwicklung des Karate.
Ein Vorteil, ja vielleicht sogar eine Notwendigkeit, aber keine angeborene
oder vererbte Fähigkeit, sondern eine zu erwerbende.
"Die
Fähigkeit eines guten Lehrers liegt nicht unbedingt in der Weitergabe
von Informationen, sondern vielmehr darin, den Geist eines Schülers
zu wecken."
Moral
und Philosophie
Karatedo
kann nicht ohne eine als moralischer Leitfaden dienende Philosophie
existieren, die das Verhalten derer bestimmt, die diese - in gewisser
Hinsicht machtverleihende und brutale - Übung aufnehmen. Karate ohne
die zugehörige Moralphilosophie zu lernen, führt zu einem schrecklichen
Ungleichgewicht, das sich für gewöhnlich in Einstellungen, Charakter
und Verhalten des Übenden widerspiegelt.
Man
kommt nie über die offensichtlichen Resultate des physischen Trainings
hinaus, ohne nach innen zu sehen. Karatedo lehrt, dass die Quelle menschlicher
Schwächen im Inneren des Menschen selbst, nicht in seiner Umwelt zu
suchen ist. Also muss auch die "Reise der Vervollkommnung"
eine innere sein, keine äußere. In unserem Inneren müssen die wichtigen
Schlachten gewonnen werden, damit Karate zurückwirken kann auf die Umwelt,
unsere Mitmenschen und die Gesellschaft.
Lernen,
für sich selbst zu fischen
Denkt
man über die negativen Einflüsse nach, die Protektionismus und politische
Feindseligkeiten zwischen Dojo, Verbänden und Organisationen auf den
Lernenden haben, der mit dem entsprechenden Wissen ganz andere Resultate
hätte erzielen können, dann ist die folgende Geschichte geeignet einen
Vergleich herzustellen.
Die
Geschichte handelt von den Bewohnern eines kleinen Dorfes in einem alten
Königreich, die hinsichtlich ihrer Nahrung völlig von ihrem Herrscher
abhingen. Seit Generationen ging das Oberhaupt einer jeden Familie morgens
zum Haus des Herrschers, um ihm Tribut zu zollen und dafür ein oder
zwei Fische zu bekommen, mit denen es seine Familie versorgen konnte.
Oft reichten diese Fische nicht aus, um den Bedarf aller Familienmitglieder
zu decken, so dass die Familien Schulden machen mussten, um nicht zu
verhungern. Familien, die sich beschwerten, wurden bestraft und geächtet.
Solange man sich erinnern konnte, hatten der Herrscher und seine Vorfahren
auf diese Art und Weise Kontrolle über die Menschen.
Eines
Tages, kam ein Reisender aus einem weit entfernten Land in das Dorf.
Überrascht und dennoch verständnisvoll hörte der Fremde sich das
Problem an und versprach den Dorfbewohnern beizubringen, wie sie für
sich selbst fischen konnten. Als der Herrscher über die Absichten des
Mannes informiert wurde, lachte er ihn öffentlich aus und verspottete
den Reisenden, indem er sagte, dass eine solche Idee lächerlich sei.
Insgeheim aber beauftragte er seine Männer, alles erdenkliche zu tun,
um den Fremden von seinem Vorhaben abzuhalten.
Als
die Dorfbewohner schließlich gelernt hatten, wie sie selbst fischen
konnten, wurden sie unabhängig und hörten auf, unnötige Tribute zu zahlen.
Da aber der Herrscher und seine Vorfahren schon so lange regierten,
zweifelte niemand seine Autorität an und sie unterstützten ihn weiterhin.
Als jedoch später entdeckt wurde, dass der Herrscher in der eigennützigen
Absicht, sich und seine Position zu schützen, versucht hatte, den Reisenden
zu verleumden und zu ächten, verloren die Bewohner den Respekt vor ihrem
Herren und zogen weg, um ihr Dorf an einem anderen Ort neu zu errichten.
Wissen
suchen - außerhalb der eigenen Box
Viel
zu oft sind es politische Überlegungen einzelner Personen oder Organisationen,
die um ihre Position, ihr Ansehen oder ihre Macht bangen, und daher
Karateka bewusst daran hindern, ihr Wissen zu erweitern.
Eine
weitere Ursache dafür, dass sich - vor allem in Deutschland - nur eine
erstaunlich geringe Zahl Übender über geschichtliche, kulturelle und
für die Selbstverteidigung relevante Grundlagen des Karate im klaren
ist, lässt sich im Schubfachdenken der einzelnen Stile und Schulen finden.
Das
folgende Beispiel mag dies verdeutlichen:
Die
Aufgabe besteht darin, die abgebildeten 9 Punkte durch 4 gerade Linien
miteinander zu verbinden, ohne dabei den Stift abzusetzen oder Linien
nachzuzeichnen.
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Lösung?
Auf das Bild zeigen!
Teilt
man die Lösung mit, hört man oft Beschwerden wie: "Aber Du hast
ja über die Punktreihen hinaus gezeichnet." Und genau das ist der
Punkt!!!
Während
es sich hier lediglich um einen psychologischen Test handelt, spielt
die zur Lösung der Aufgabe erforderliche Art zu denken auch im Karate
eine wesentliche Rolle. Karate kann sich nicht in Stilen erschöpfen
und schon gar nicht umfassend aus ihnen heraus erklärt werden. Wirklich
verstehen kann man Karate und seine Anwendung für die Selbstverteidigung
erst, wenn man aufhört in Schubladen mit den Aufschriften Goju Ryu,
Shotokan, Shitoryu usw. zu denken.
Letztlich
bestimmen - abgesehen von psychischen Faktoren - die Kenntnis (oder
Unkenntnis) von Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers sowie
die Fähigkeit (oder Unfähigkeit) zur effektiven Übertragung von
kinetischer Energie das Vermögen (oder Unvermögen) sich zu verteidigen.
Entscheidend sind also Kenntnisse, die außerhalb von Stilen gefunden
werden müssen, vor allem weil Stile sich zu den Prinzipien auf denen
Karate basiert genauso verhalten, wie die Handschriften von deren Begründern
zum Alfabeth. (Der Vergleich hinkt natürlich, weil es im Japanischen
kein Alfabeth gibt.)
Gefragt
ist das Bemühen jedes einzelnen, sich basierend auf möglichst vielen
Quellen über alle Aspekte des Karate zu informieren. Der Schüler sollte
mit verschiedenen Lehrern reden und trainieren, Lehrer und ihre Lehren
hinterfragen, ununterbrochen Fragen stellen und - noch wichtiger - auch
die Antworten in Frage stellen, wenn sie nicht völlig überzeugen. Der
Lehrer sollte bemüht sein, ein möglichst fundiertes Wissen über alle
Aspekte seiner Kunst zu erlangen und dieses weiterzugeben. Er muss außerdem
wissen, was er nicht weiß und dies auch seinen Schülern gegenüber zum
Ausdruck bringen. Hier trägt er eine hohe Verantwortung, vor allem dem
Schüler, aber auch der Tradition gegenüber.
Eine
letzte kleine Geschichte mag den Einfluss veranschaulichen, den eine
politisierte Karatewelt, wie wir sie über mehrere Jahrzehnte kennen,
haben kann (und hatte?).
Beginnen
wir mit einem Käfig mit fünf Affen. Im Inneren des Käfigs
hängt eine Banane an einer Schnur von der Decke und darunter ist
eine Leiter aufgestellt. Es dauert nicht lange und der erste Affe beginnt,
die Leiter hinaufzuklettern, um an die Banane zu gelangen. In dem Moment,
in dem er die Leiter berührt, werden alle Affen im Käfig mit
eiskaltem Wasser bespritzt.
Ziemlich
bald wird ein weiterer (oder auch der selbe) Affe nicht widerstehen
können und versuchen, an die Banane zu gelangen. Nach einigen Wiederholungen
der oben beschriebenen Prozedur, werden alle Affen im Käfig jeden
Affen, der der verlockenden Banane nicht widerstehen kann, aggressiv
daran hindern, die Leiter zu berühren. Wer will schon gerne nass
gespritzt werden?!? Nach dem unsere Affen also konditioniert sind, wie
der Verhaltensbiologe sagen würde, ersetzen wir einen Affen durch
einen neuen. Dieser neue Affe sieht die Banane und versucht natürlich
sofort auf die Leiter zu springen und an die Banane zu gelangen. Zu
seiner Überraschung stellt er entsetzt fest, dass ihn all die anderen
Affen angreifen, um ihn am berühren der Leiter zu hindern. Wenig
später, nachdem er sich von diesem Schock erholt hat, versucht
er erneut an die Banane zu gelangen, mit dem gleichen Ergebnis. Er stellt
also fest, dass er jedes mal wenn er versucht die Leiter zu berühren,
um an die Banane zu gelangen, angegriffen wird und unterlässt es
daher.
Nun
ersetzen wir einen weiteren der ursprünglichen 5 Affen durch einen
neuen. Der Neuling sieht die Banane, geht zu der Leiter.... und wird
angegriffen, auch von dem zuvor neu hinzugekommenen Affen. Nun wird
ein dritter Affe ersetzt und das Schauspiel wiederholt sich. Inzwischen
sind zwei der fünf Affen, die an dem Angriff auf den Neuling beteiligt
sind zwar enthusiastisch bei der Sache, wissen aber eigentlich gar nicht
warum. Sie wissen nur, dass es schon immer so war in diesem Käfig...
Leider
ist aus unserer Sicht ein großer Teil der derzeitigen Karatewelt
mit unserem Affenkäfig vergleichbar...
Es
war Albert Einstein, der feststellte: "Ein Problem kann nicht durch
die gleiche Art des Denkens gelöst werden, durch die es entstanden
ist".
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